Modejournalismus, Milchmädchenblogger und die Medienlandschaft – ein Interview mit Alfons Kaiser

AlfonsKaiserundIsabelleBraun

Ein kleines „Amuese Guele“ vorab. Das vollständige Interview in Videoform gibt es exklusiv bei Frontrow Revolution – Modejournalismus 2.0 im NRW Forum.

Wir treffen Alfons Kaiser in der Redaktion der ehrwürdigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er ist einer der wichtigsten Moderedakteure Deutschlands und Leiter des Ressorts „Deutschland und die Welt“. Ein bisschen aufgeregt schütteln wir ihm die Hand und folgen in die Redaktionsräume, die genauso aussehen wie wir es uns vorgestellt haben: Stapelweise Ausgaben der F.A.Z., überquellende Bücherregale und chaotische Schreibtische. Es riecht so schön nach Papier.

Herr Kaiser, Blättern oder klicken?
Blättern!

Das sagt er mit Nachdruck und einem kleinen Schmunzeln. Das war eine rhetorische Frage, das weiß er natürlich.

Warum?
Weil es sinnlicher ist. Es gibt noch eine Dimension, etwas Haptisches, man spürt etwas. Man kann vor oder zurückgehen, wie es einem beliebt. Und das ist einfach schöner.

Warum werden die Holzmedien überleben?
Eben wegen dieser haptischen Dimension. Sie rascheln, sie glänzen. Man kann damit viel mehr erleben, und das alles sehr konzentriert. Im Internet muss man sehr lange klicken, um all die Informationen zu bekommen, die man in einer Zeitung gebündelt hat. Sie haben viel mehr Fähigkeiten.

Ist die Mode das Stiefkind der deutschen Presse?
Ja! Es gibt Autoseiten noch und nöcher. Viel Technik, viel Reise, aber wenig Mode. Das liegt daran, dass die Deutschen immer ein bisschen skeptisch dieser „oberflächlichen“ Kunst gegenüber sind.

Er runzelt die Stirn, das gefällt ihm wohl gar nicht. Wir sagen ihm jetzt, dass er überhaupt nicht stottert, wie angekündigt. Da lacht er laut. Sowieso lacht er sehr viel, wir hatten ihn uns viel ernster vorgestellt.

 Welchen Stellenwert hat die Mode in der F.A.Z.?
Einen nicht so großen wie Technik oder Sport, ganz zu schweigen von Politik, Wirtschaft oder Feuilleton, das ist klar. Die deutsche Tradition sieht das nicht so vor. Die Mode ist hier kulturell nicht so verankert wie in Frankreich oder Italien. Man sieht das als etwas Romanisches, dem Unterhaltungsgewerbe zugehörig. Der Blick  darauf ist sehr kritisch.

Müssen Sie die Modeberichterstattung manchmal ihren Kollegen gegenüber rechtfertigen?
Manchmal, denn die Mode wird doch als etwas sehr leichtes, überflüssiges und ephemeres angesehen. Da muss man schon argumentieren, dass es mehr ist, dass es auch eine neue Optik in die Zeitung bringt. Außerdem ist die Mode ein positives Thema. Man müsste sie stärker bringen, so dass nicht nur Krisen und Katastrophen die Berichterstattung beherrschen.

Wie nah diese Themen beieinander liegen können, hat Kaiser selbst in einer besonderen Situation erlebt. Während der New Yorker Fashion Week 2001 war er vor Ort, als zwei Flugzeuge in die Twin Towers stürzten. Statt die Schauen zu besuchen, berichtete er für die F.A.Z. über die Terroranschläge.

Wäre es manchmal schön, in einem anderen Land Moderedakteur zu sein?
Ja, vor allem gibt es dort bei den Zeitungen richtige Teams, bei Figaro, Herald Tribune oder dem Corriere. Da kann man sich austauschen und gemeinsam Themen entwickeln. Ich habe zum Glück meine Kollegin Anke Schnipp (sie behandelt Modethemen für die F.A.S., die Sonntagsausgabe der F.A.Z., Anm. d. Red.) Sonst kann die Berichterstattung doch sehr langweilig werden. Es ist schön, wenn mehr Power dahinter ist. Ein eigenes Ressort, feste Seiten pro Woche, die man füllen muss. Das hätte einen ganz anderen Stellenwert.

Ihre Artikel werden in der Branche sehr geschätzt. Was können Sie  besser als andere?

Keine Regung. So richtig wohl fühlt er sich nicht mit dem Kompliment. Er überlegt ein bisschen.

 Vielleicht fasse ich die Modewochen besser zusammen. Viele Leute gehen zur Fashion Week und berichten nur über einzelne Schauen. Ich sehe auch nicht alle, aber ich versuche sie zusammenzubringen, mir einen Eindruck zu verschaffen und mit vielen Leuten zu reden. Ich erzähle eine Geschichte, in die auch Klatsch und Tratsch einfließen darf, wirtschaftliche Hintergründe oder Bloggerthemen. Ich bin auch durch das Internet davon abkommen, einzelne Kollektionen sehr detailliert zu beschreiben. Man kann sie sich wunderbar auf „style.com“ ansehen, da hat es kaum einen Sinn, sie in der Zeitung nochmal ausführlich zu beschreiben.

 Sie haben sicher von der Diskussion um die „Milchmädchenblogger“ gehört, die sich für geringe Sachwertpreise ihre Meinung kaufen lassen. Wie unabhängig und frei sind die Blogger?

Bei dem Wort Milchmädchenblogger schmunzelt er und nickt kräftig. Das interessiert ihn wohl. Arme verschränken und los geht’s.

Das ist für mich wirklich das große Thema, wenn es um Blogs geht. Viele Blogs sind nicht unabhängig. Sie werden käuflich, lassen sich einladen und schwärmen dann in den höchsten Tönen. Alle suchen heutzutage ja Unmittelbarkeit und Authentizität, und die Blogs haben sie verkörpert. Das setzen sie natürlich so aufs Spiel. Glaubwürdigkeit ist das A und O. Wenn man das nicht wahrt, ist ein Blog nicht mehr viel wert.

Womit kann ich Sie denn bestechen?
Ich nehme zu Weihnachten auch eine Flasche Wein an und lasse mich zum Lunch oder Dinner einladen. Das geht gerade noch. In der Regel hat so ein Essen ja die  Funktion, dass ich mich informieren kann. Glücklicherweise bin ich nicht abhängig von Luxusprodukten, das ist mein großer Vorteil. Da geht es vielen Frauen anders. Mir braucht man erst gar nichts zuschicken. Meine Sekretärin wurde schon öfter nach meiner Schuhgröße gefragt. Aber die verrate ich nicht.

Da freut er sich, der Fuchs. Wirklich nicht bestechlich?

Natürlich ist man für Nettigkeiten, Geschenke und Komplimente empfänglich. Man muss aber Grenzen ziehen, sonst macht man sich abhängig.

Outfit-Posts sind meist die kommentarstärksten Beiträge auf Blogs.
Sind wir alle Voyeure? Oder können wir einfach besser sehen als denken?
Wahrscheinlich. Oft werden niedere Instinkte angesprochen. Die Kommentare sind manchmal brutal und für mich erschreckend. Solche Leserbriefe bekommen wir nicht einmal bei der F.A.Z, obwohl viele Leser gerne mal einen Brief gegen die Modeberichterstattung schreiben. Ich glaube, da kommt im Menschen etwas zum Vorschein, das seine schlimmste Seite zeigt. So ein selbstdarstellerisches Outfit, das nimmt man doch entweder begeistert auf, oder man lässt es links liegen. Aber die Leute beißen sich fest und kritisieren das in Grund in Boden. Ganz schrecklich. Ich weiß nicht, ob es das in anderen Ländern auch so extrem gibt. Da denkt man manchmal wirklich, dass der Mensch des Menschen Wolf ist.

„Homo homini lupus est“, ein Zitat des Philosophen und Staatstheoretikers Thomas Hobbes. Wir sind hier schließlich bei der F.A.Z., da darf es auch mal intellektuell werden.

Jessica Weiß geht zum Interview Magazin, Garance Doré fotografiert für Vogue, und style.com bringt ein Magazin raus. Ist das Ziel doch immer ein Stück vom Printkuchen?

Da wird er nochmal sehr aufmerksam, nickt kräftig und antwortet prompt.

Ich glaube letztlich doch. Es hat eine andere Autorität. Die Blogger scheinen mir doch alle aufs Papier zu streben. Das zeigt doch, dass sie da eine größere Aufmerksamkeit und Dauerhaftigkeit für sich erringen wollen. Sie suchen nach einer Präsenz, die über den Tag hinaus geht. Zeitungsartikel werden doch noch gerne ausgeschnitten oder aufgehoben. Da steckt mehr Tradition drin und dadurch vielleicht auch mehr Zukunft. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese irgendwann schnell vorüber ist.

Jetzt wollen wir ihn nochmal ein bisschen auf die Pelle rücken und fragen etwas persönlicher.

Eine Kollektion ist gelungen wenn….
… sie stimmig ist. Das heißt, sie muss sich vor der eigenen Tradition des Hauses, der Marke oder dem Stil des Designers halten. Dabei muss man auch die Kultur einbeziehen. So ist es als Deutscher immer gefährlich zu sagen: Versace ist vulgär. Versace hat eine klare italienische Tradition, und die muss man verstehen. Vor diesem Hintergrund muss man eine Kollektion bewerten. Man darf nicht einfach von außen schauen und sagen: Das ist ja nix.

Welche Show oder Kollektion hat Sie zuletzt richtig vom Hocker gehauen?
Sehr schön fand ich in dieser Saison Burberry in London. Recht bürgerlich, sicher keine Avantgarde. Aber schöne Proportionen, hoch angesetzte, schwingende Röcke und dazu kurze Jacken. Tolle Farbkombinationen, gutes Styling und eine sehr gut  choreographierte Schau: Das hat mir sehr gut gefallen.

Vorurteile über die Modebranche, die bestätigt werden?
Die 12-Zentimeter-Absätze….

Jetzt macht er nochmal eine lange Pause, hält inne und überlegt ob er das jetzt so sagen soll.

….und das manche Fashion-Frauen wirklich Ziegen sind. Das entspricht manchmal der Wahrheit.

Schallendes Lachen. Spätestens jetzt wissen wir: Alfons Kaiser ist nicht nur ein sehr guter Moderedakteur sondern trägt auch das, was einen Mann am besten kleidet: Humor!

 

Im Videointerview in der Ausstellung gibt Alfons Kaiser Antworten auf weitere Fragen wie: Was ist guter Modejournalismus? Welche Halbwertszeit hat die Blogosphäre und ob ihn der Hype um die Blogs nicht manchmal nervt, was er an der Modebranche liebt und was er an Ihr hasst.


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