Wolfgang Tillmans – Fotografie zwischen Kunst und Kommerz.

WolfgangTillmanns_Kate_Stuhl

Die Kunst von Wolfgang Tillmans wurde früher als „Junge-Leute-Fotografie“ bezeichnet. Früher, das war damals, Anfang der Neunziger Jahre, als er anfing seine Freunde, seine Partys und seinen Exzess abzubilden. Er war ein Jünger der Technomusik, tanzte nächtelang auf Raves, nahm Drogen, stürzte ab, machte Fotos. Doch diese Phase erzählt nur von einer Facette seines Charakters. Im Laufe der Jahre folgen kommerzielle Mode-Shootings, nachdenkliche Reflektionen über den Tod und abstrakte Naturaufnahmen, die schließlich ins Gegenstandslose gipfeln.

Tillmans hat berühmte Freunde, Wegbegleiter und Nachahmer. Zusammen mit einem von ihnen, Jürgen Teller, kreierte er eine Ästhetik, die schnell als Heroin-Chic bekannt wurde. Nicht schön, nicht glamourös, aber gerade dadurch nicht zu vergessen. Die ungeschminkte Wahrheit zeigt sich durch Pickel, Speckrollen, Brüste, Hintern und Geschlechtsteile. Eine Bildsprache, die von seinem wohl berühmtesten Nachahmer, Terry Richardson, bis über die Schmerzgrenze hinaus weiterentwickelt wurde. Das Resultat: die Abbildung einer scheinbaren Realität, manifestiert durch das Unschöne, unterstützt durch natürliches Licht und Umgebung.

Sein Zugang zur Modefotografie ist durch die gleichen komplexen Ansprüche geprägt, die auch seine anderen Arbeiten bestimmen und voran treiben. Das Ziel ist es die Mode aus ihrem üblichen Kontext heraus zu reißen. Wie einst Cecil Beaton seine Modelle vor den Nachkriegstrümmern des zweiten Weltkriegs ablichtete, inszeniert Wolfgang Tillmans eine sehr junge Kate Moss vor einem Arrangement aus frühen Kartoffeln und reifen Erdbeeren – oder auch auf einem Stuhl, auf den für ein anderes Bild schon ein Punk urinierte.

Er arbeitete für Medien wie Butt, I-D, Purple Mag und Vogue. Magazine, die sich was trauen. So wie er – die das Neue suchen, es gefunden haben, und sich auch trauen es zu publizieren.

Geboren wurde er 1968 im Nordrheinwestfälischen Remscheid. Als Jugendlicher zieht es ihn in die Großstadt. Er lebt mehrere Jahre in Hamburg bevor er dann beginnt am Bournemouth and Poole College of Art and Design zu studieren. Stationen in New York und Frankfurt folgen, bis er schließlich nach London zieht und dort bleibt. Neben den Portrait- und Mode-Aufnahmen, fertigte er mehrere Serien von Stillleben und Naturaufnahmen an. Die von ihm fotografierten Plätze und Arrangements stehen alle in unmittelbarem Bezug zu seinem persönlichen Umfeld und seiner Lebenssituation. Das dominierende Ziel: die Verletzung und Umformung der Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem. Ab dem Jahre 2000 schlägt er eine neue Richtung ein: Er beginnt mit verschiedenen Chemikalien zu experimentieren und erschafft so gegenstandslose Strukturen und Farbverläufe, die nicht von dieser Welt erscheinen.

 Der Gewinner des Turner Prize hat keine neue Ausstellung und kein neues Buch. Dies ist ein Beitrag ohne aktuellen Bezug, dies ist der Beitrag eines Fans.

 Fotocredit: Scans aus „Truth study center“ von Wolfgang Tillmans und Minoru Shimizu, „Wolfgang Tillmans“ von Wolfgang Tillmans und Burkhard Riemschneider

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