Schauen, Schreiben, Schminken – ein Interview mit Lena Elster

LenaGrossmüller_LenaElster

Nur noch drei Tage, dann geht es rund. Kluge Köpfe, hitzige Diskussionen, bissige Kommentare – jede Menge Mode und Medien. Eigentlich der perfekte Ort für Lena Elster, Moderedakteurin bei Sportswear International. Sie ist klug und zumindest kann sie auch bissig. Genau deshalb haben wir sie nach Düsseldorf eingeladen, um als Gast-Bloggerin in unserer Pop-up-Redaktion im NRW-Forum zu schreiben. Doch wir haben die Rechnung ohne Kältehoch Dieter gemacht, der sibirische Eisluft nach Deutschland und eine fiese Grippe mit Fieber zu Lena bringt. Scheinbar kann Lena jetzt auch hitzig.

Um uns und euch über diesen Verlust hinweg zu trösten, gibt es jetzt einen Auszug aus einem Interview mit Lena, das wir in voller Länge als Video ab Samstag in der Ausstellung zeigen. Voilá:

 

Zwischen Gala und Sportswear International liegt schon so manch journalistischer Abgrund: Hamburg versus Frankfurt, Publikumspresse versus Fachmagazin und schließlich Boulevard versus seriöse Berichterstattung. Lena Elster,28, hat beide Welten überlebt. Plus die dreijährige Ausbildung zur Modejournalistin an der AMD Akademie für Mode und Design . Genau die richtige Gesprächspartnerin also, um über Klischees zu reden. Und nicht nur das: Wir sprachen mit ihr über ausverkaufte Must-Haves, Prada-Tüten und warum Blogger manchmal wie H&M sind.

Doch bevor es los geht, erst noch eine Zigarette. Nur ganz kurz. Drei, vier Züge, dann ist Schluss. – Moment, danach noch schnell Schminken. Lippenstift nachziehen, Make-up verteilen, Haare kämmen. Fertig.

 

Was ist deine offizielle Berufsbezeichnung?
Fashion Editor bei Sportswear International.

Und die Inoffizielle?
Modeleitung bei Sportswear International.

 Sie lacht verschmitzt. Da hat sie wohl selbst bemerkt, dass uns das nicht reicht. Jetzt also nochmal en Detail:

Es ist so, dass wir bei Sportswear zwischen Shooting und Text im Mode-Teilunterscheiden. Ich bin komplett für den Trend und Textbereich zuständig und kümmere mich als Einzige hier in Frankfurt um Mode. In Mailand haben wir noch ein Büro mit einer Redakteurin, die sich nur um die Shootings kümmert. Meine Aufgabe ist es, Trendthemen zu bearbeiten, Interviews mit Einkäufern und Händlern zu führen oder Umfragen mit Brands oder Agenturen zu den kommenden Trends zu erstellen. Ich arbeite auch sehr eng mit unseren Korrespondenten in New York, LA und Paris zusammen, weil die mir natürlich Trendthemen-Vorschläge schicken. Aus all diesen Informationen bastel‘ ich mir dann einen schönen Fashion-Teil zusammen. Der muss natürlich zum Schwerpunkt der jeweiligen Ausgabe passen und auch zur Bildsprache der Shootings. Deshalb läuft hier alles Hand in Hand, dass dann am Ende ne runde Sache daraus wird.

Magazin, Film, Radio, Blog… welches Medium fängt Mode am besten ein?
Schwierig. Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Ich persönlich bin als Schreiberin natürlich ein großer Print-Fan – ich könnte auf Print nie verzichten. In Magazinen und Zeitungen hat man die Möglichkeit durch ein tolles Layout mit vielen Fotos und mit Text, der in die Tiefe geht, Mode sehr gut abzubilden. Allerdings kommt es auf das Sujet an. Mode-Film ist auch ein sehr interessantes Feld, das sich ja gerade noch im Entwicklungsstadium befindet. Große Modehäuser machen immer mehr Modekurzfilme, doch ich glaube, dass viele Leute noch nicht wirklich empfänglich dafür sind, Mode auf so einem artifiziellen Weg zu sehen. Ich denke das Zusammenspiel macht’s. Es kommt immer darauf an: „Was möchte uns der Künstler mit diesem Thema sagen?“.

 Mit ihrer rauchigen Stimme imitiert sie die Lieblingsfrage eines jeden Kunstlehrers. Früher verhasst, heute verlacht.
Die Frau hat Humor.

 Muss man für Mode geboren sein, liegt sowas im Blut?
Ich glaube nicht, dass einem die Mode im Blut liegt, aber definitiv die Leidenschaft dafür. Dann eignet man sich schon automatisch in der Jugend sehr viel Wissen an und entwickelt ein anderes Gespür. Ich hatte zum Beispiel schon mit 13 die Vogue im Abo. Allerdings reicht das nicht. Man beschäftigt sich 24 Stunden / 7 Tage die Woche mit Mode und das auf einer ganz anderen Ebene als Leute, die das nur als Hobby machen. Es ist halt einfach so: Mode bedeutet Arbeit! Es ist nicht einfach nur Juhuu oder von morgens bis abends Spaß und Glamour. Es ist ein Knochenjob! Da muss schon echt immer wieder dieser Funke kommen.

Jahrelange Ausbildung anstelle von intuitivem Quereinsteiger-Gespür?
Es ist meiner Meinung nach wichtig, richtig ausgebildet zu sein, egal in welchem Bereich der Modeindustrie. Ob man jetzt schreibt oder in einer PR-Agentur arbeitet oder als Designer – man braucht immer eine fundierte Ausbildung. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, natürlich gibt es ne Handvoll Leute, die es als Quereinsteiger trotzdem drauf haben. Aber ich glaube, jemand der Mode einfach nur als Hobby hat, ist nicht in der Lage den fachlichen Background mitzubringen. Ein Redakteur macht ja viel mehr als jeden Tag nur Lookbooks anschauen und sich dann Trends zu überlegen. Das geht ja viel weiter. Und da muss man schon irgendwie ausgebildet sein, ja.

 Bestätigendes Nicken. Dann ein kurzes Zusammenkneifen der Augen. Konzentration oder Zweifel? Schwer zu sagen. Sie wirkt leicht nervös. Dabei war die Frage bei ihrem Werdegang doch eigentlich rhetorisch: Lena ist eine der ersten Absolventinnen des Ausbildungsganges Modejournalismus / Medienkommunikation an der AMD in Düsseldorf. Erst 1996 wurde das Fach in Deutschland eingeführt und bereitet seitdem auf einen Einstieg in die Mode- und Medienbranche vor.

  Boulevard oder seriöse Berichterstattung?
Ah! Schwierige Frage! Ich habe ja beides schon gemacht und muss sagen, dass beides Vor- und Nachteile hat. Prinzipiell finde ich es gut, wenn man beide Seiten kennenlernt, um ein ganz umfangreiches Bild der Branche zu bekommen. Bei der Boulevardpresse ist es sehr interessant, wie die Reaktionen von außen sind. Als ich bei der Gala gearbeitet habe ist es schon vorgekommen, dass die Jeans am Samstag ausverkauft war, wenn wir sie als Must-Have der Woche angepriesen haben. Und das ist schon irre! Da sieht man mal, was man für eine „Macht“ im Kleinen hat.

 Autsch! Ihre Finger spreizen sich zu dieser unverschämten Anführungszeichen-Geste. Wir ignorieren den Vorfall. Schließlich soll man später nicht sagen, Modejournalistinnen seien machtgeile Tussis und obendrein noch arrogant.

 Bei der Fachpresse geht man natürlich viel mehr in die Tiefe, weil man einen Ansprechpartner aus der Branche vor sich hat. Da läuft alles viel professioneller. Die Artikel können länger sein, man hat oft mehr Zeit für Recherche, man kommt mehr an das Schreiberische. Momentan bin ich sehr froh für die Fachpresse zu schreiben – weg von dem Anglizismen Duktus und den fetten Überschriften des Boulevard!

 

 

 

Einfluss von Journalisten, schön und gut. Wie steht’s um den der Blogger?
Kommt auf den Blogger an. Aber es gibt durchaus Blogger, die sehr großen Einfluss haben, auf jeden Fall. Das merkt man vor allem daran, wie die PR-Agenturen mit ihnen umgehen. Die bekommen die gleichen Test-Produkte geschickt wie die Redaktionen, sie werden zu Fashion Shows eingeladen, sitzen dann in der ersten Reihe. Die ganze Internetwelt ist wahnsinnig wichtig geworden, vor allem weil sie sich mal eben schnell konsumieren lässt. In einem Blog liest man halt keine zehnseitige Reportage. Vielleicht ist ein Blog eher wie H&M und ein Magazin wie Prada.

 Ein gewagter Vergleich. Findet Lena wohl auch und rudert mit einem schräg gelegten Kopf und einem verlegenen Lächeln dagegen. Sie hat Humor und Meinung.

 Wie viele Prada-Tüten standen schon auf deinem Schreibtisch?
Keine, leider.

Erwischt! Aber Härtetest bestanden. Doch plötzlich senkt sie die Stimme und wird bitterernst. Verschwörungstheoretiker-Treffen, die Scientology Hauptversammlung oder die Papst-Wahl sind nichts im Vergleich zu dem Gefühl, das Lena uns in diesem Moment durch die Einweihung in die Geheimnisse der Modewelt gibt. 

Ich sag ganz ehrlich: es ist ein Unterschied, ob du für die Publikumspresse oder für die Fachpresse arbeitest. In der Publikumspresse ist das alles ein wenig großzügiger, da kriegt man schon mal öfter was. Bei der Fachpresse eher gar nicht. Aber das ist auch okay, schließlich gehört es dazu nicht bestechlich zu sein. Das möchten wir auch bleiben und so arbeiten wir auch. Das passt dann schon.

Welche Abhängigkeit ist schlimmer: die vom Verlag oder die von den Anzeigenkunden?
Ich glaube, es ist gut, abhängig von einem Verlag zu sein. Es ist doch wunderbar hinter so einem Namen zu stehen. Da stecken nämlich Erfahrung, Manpower und vor allem Sicherheit mit drin – das ist ganz wichtig in der heutigen Zeit. Da wird nicht von einem auf den anderen Tag gesagt: Wir machen das Magazin dicht. Blogs haben die Gefahr, dass sie morgen schon nicht mehr funktionieren. Außerdem kann man in einem Verlag auf bestehende Ressourcen zurückgreifen und Kooperationen mit anderen Magazinen eingehen. Sportswear hat jetzt zum Beispiel ein Projekt mit der Textilwirtschaft gemacht, das war unglaublich befruchtend.

 Moment. Das war ja nur die halbe Antwort! Da hat sie sich geschickt um den kniffeligen Teil gemogelt. Wir lassen nicht locker und bohren nochmal nach.

Und die Abhängigkeit von Anzeigenkunden?
Es wäre Quatsch zu sagen, dass da keine Abhängigkeit besteht, sowohl in der Publikumspresse als auch im Fachjournalismus. Klar klopft die Anzeigenabteilung manchmal an die Tür und dann versuchen wir einen Kompromiss zu finden. Das ist einfach das Business: Wir werden durch Anzeigen finanziert, das ist ein Geben und Nehmen – so läuft die Branche. Ideale sehen natürlich anders aus, aber das ist ja immer so. 

Von Enttäuschung keine Spur. Eher ein gereifter Blick auf die Realität. Lena wirkt gelassen und ruhig, wie jemand, der mit den Gegebenheiten der Branche Frieden geschlossen hat. Perfekt, um mit ihr zum Abschluss noch die Frage nach Klischees zu klären.

 Das größte Klischee, das es über Modejournalisten gibt?
Dass sie nichts essen.

Das größte Klischee, das eigentlich gar keins ist?
Dass sie alle gut aussehen wollen. Ich glaube, das will in der Branche schon jeder.

Recht hat sie. Die Modebranche, dieses eitle Volk. Wir bedanken uns, schütteln die lackierten Hände, werfen den Camel-Mantel über und stiefeln auf Plateau Wedges aus ihrem Büro.

 

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